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Musik
Angefangen von den anatolischen Seldschuken bis heute entwickelte sich die Musik in verschiedenen Bereichen. Diese Bereiche sind die von den Intellektuellen in den Städten entwickelte klassische Musik, die von den Menschen in Anatolien seit Jahrhunderten als direkte Ausdrucksweise verwendete Volksmusik, die religiöse Musik und die Militär-musik. Die westliche Polyphonie als Grundlage der moder-nen Musik hat sich in der Türkei als Gattung erst nach der Gründung der Republik etabliert. Weitere in der Türkei beliebte und gerngehörte Musikgattungen sind Pop, Rock und Jazz, die sich besonders in den letzten Jahren ent-wickelten.
Die polyphone türkische Musik: Arbeiten zur poly-phonen Musik verbreiteten sich in der Türkei nach Verkün-dung der Republik. Unter massgeblicher Anregung von Ata-türk sollten die zeitgenössische Musik und die türkische Volksmusik die neuen musikalischen Vorbilder sein. Man begann, sich der westlichen Musik zuzuwenden und dabei die international gebrauchten Techniken und Hilfsmittel zu übernehmen. Um die grundlegenden musikalischen Theo-rien zu etablieren, schickte man einerseits Studenten ins Ausland, und andererseits konnte man aus dem Ausland Künstler wie Joseph Marx, Paul Hindermith, Carl Ebert oder Béla Bartok verpflichten.
Mit der Gründung des Staatlichen Konservatoriums 1936 in Ankara begann man schwerpunktsmässig dahingehend zu arbeiten, die Volksmusik im Rahmen der westlichen Poly-phonie neu zu beleben. In dieser Periode entwickelte sich eine erste republikanische Generation von Komponisten wie Cemal Reşit Rey, Ahmed Adnan Saygun, Ulvi Cemal Erkin, Ferit Alnar oder Necil Kazım Akses, die aus verschiedenen Konservatorien des westlichen Auslands kamen. Die erste Generation der Komponisten ging noch den Weg ihrer Väter, aber die nächsten Generationen schufen eine türkische Schule der Komposition, die einerseits auf der Volks-musik beruhte und andererseits von westlichen Strömungen profitierte. Obwohl die erste Generation hinsichtlich Stilauf-fassung und Musikverständnis sehr unterschiedlichen Vor-stellungen anhingen, so war ihnen doch gemeinsam, in ihren Werken regionalen Motiven und folklorischen Melodien Platz einzuräumen. So hat Adnan Saygun, der zur Folklore Forschungen durchführte und Sammlungen erstellte, den Impressionismus in einen nationalen Stil verwandelt, und hat mit seinen Vorträgen und Konzerten, die er im Ausland gab, zur Bekanntmachung der türkischen Musik einen grossen Beitrag geleistet.
Bei der Verbreitung der polyphonischen Musik in der Türkei spielt das Symphonieorchester des Staatspräsidenten, der ältesten symphonischen Vereinigung, eine grosse Rolle. Mit seinen zahlreichen Konzerten im Land trug es dazu bei, polyphone Musik zu verbreiten und beliebt zu machen. Aber auch in Deutschland, USA, Frankreich, Spanien, Italien, Süd-Korea u.a. Ländern gab dieses Orchester Konzerte und trug dazu bei, die Existenz einer türkischen Musik der Welt bewusst zu machen. Die staatlichen Orchester in İstanbul, İzmir, Antalya, Bursa und in der Çukurova (Adana) und der 1988 gegründete ‘Staatliche Polyphone Chor’ taten sich mit Konzerttourneen sowohl im Inland als auch im Ausland hervor.
Neben diesen staatlichen Orchestern gibt es ferner als be-deutende Orchester das Bilkent - Symphonieorchester, das ‘Borusan’ - Philharmonische Orchester İstanbul und das Akbank - Kammerorchester.
Preisgekrönte Dirigenten wie Hikmet Şimşek, Gürer Aykal, Rengim Gökmen und Betin Güneş waren an diversen Plat-tenproduktionen beteiligt und leiteten auch ausländische En-sembles. Aufgrund eines Gesetzes zur Förderung hochbe-gabter Kinder wurden viele junge Musiker ins Ausland geschickt, die später berühmt wurden. Dazu gehören z.B. die Künstler/-innen İdil Biret (Pianisten), Suna Kan (Vio-linsten), die Geschwister Güher und Süher Pekinel (Pianis-ten), İsmail Aşan (Violinist), Fazıl Say (Pianist), Cihat Aşkın (Violinst), Ayla Erduran (Violinisten) und Gülşen Tatu (Flötist), die alle bei internationalen Wettbewerben Preise gewinnen konnten und Platten produzierten.
Die klassische türkische Musik: Die klassische tür-kische Musik ist eine Musik der Stadt. Die Festigung ihrer Grundlagen und die Entwicklung einer eigenen Identität war ein langer Prozess. Die ältesten Beispiele bilden Musik-kenner und Komponistenpersönlichkeiten wie el-Kindi, Farabi (870-950), Safiyüddin Abdül-mümin Urmevi (1237-1294) und Meragalı Abdülkadir (1360-1412).
Der Komponist des 17. Jahrhunderts Buhuri-zade Mustafa Itri Efendi (1640-1712) gilt als der Komponist, die die türkische Musik auf den Höhepunkt brachte.
Das grundlegende Musikinstrument der türkischen Musik ist das Tamburin. Weitere Instrumente sind die Melodiein-strumente Rohrflöte (‘ney’), (dreisaitige) Violine, Laute (‘ud’), Zither (‘kanun’), (zweisaitige) Violine, Hackbrett und Violine oder Schlaginstrumente wie Schellentrommel, kleine Schellentrommel, kleine Trommel und Glocken.
Die klassische türkische Musik kann man von ihrer Thematik her in religiöse und weltliche Musik trennen. Die religiöse Musik basiert als Musik der Moschee auf der menschlichen
Stimme und wird als Musik der Klöster auch mit verschie-denen Musikinstrumenten gespielt. Auch die nicht-religiöse Musik wird in Vokal- und Instrumentalmusik unterteilt. Die vorkalen Musik ist gegenüber der Instrumentalmusik ver-hältnismässig verbreiteter und geht in die Diwan-Dichtung über. Alle Arten haben ihre spezifische Formen.
Die türkische Musik basiert auf Tonfolgen-Harmonien und verfügt über hunderte von Tonfolgen. Auch die Takt (‘usul’) genannten rhythmischen Formen sind sehr zahlreich. Das Stimmensystem der türkischen Musik hat seine Besonder-heiten. Die Zwischentöne, die in der westlichen Musik unbe-kannt sind, bilden ein spezifisches Element im Stimmen-system der türkischen Musik. Dies ermöglicht in der mono-phonen türkischen Musik unbegrenzte Bewegungsmöglich-keiten und einen Reichtum an Melodien.
Als Ausbildungseinrichtung gab es zu osmanischen Zeiten dem Hof zugeordneten ‘Enderun’ und das ihm angeschlos-sene Kloster. Das ‘Darülelhan’, das in der letzten Periode des Osmanischen Reiches gegründet wurde, war die erste offizielle türkische Musikschule.
Das ‘Darülelhan’ nahm in der Zeit der Republik zunächst den Namen eines Konser-vatoriums der Stadtverwal-tung İstanbul ein, um später zum Staatlichen Konserva-torium der Universtität İstan-bul zu werden. Daneben gibt es in der Türkei eine Vielzahl von Universitätskonservato-rien, die nach dem Vorbild des 1979 errichteten ‘Tür-kischen Musik-Konservato-rium der Technischen Univer-sität İstanbul’ gegründet wurden
Der in der Zeit der Republik gegründete staatliche Rundfunk war sowohl hinsichtlich Lehre und Ausbildung als auch hin-sichtlich der Musikdarbietung für die klassische türkische Musik von grosser Bedeutung. Weitere derzeitige Enrich-tungen der türkischen klassischen Musik sind die Chöre für türkische klassische Musik in İstanbul, Ankara, İzmir, Diyarbakır, Elazığ, Bursa und Samsun, das ‘Historische Ensemble für türkische Musik’ in İstanbul, die Ensembles für türkische Musik in İstanbul und Edirne und die ‘Gruppe für türkische mystische Musik’ in Konya.
Als hervortretende Komponisten, Lehrer und Kenner der klassischen türkischen Musik in der Zeit der Republik sind zu nennen: Rauf Yekta, Sadettin Arel, Suphi Ezgi, Münir Nurettin Selçuk, Safiye Ayla, Sadettin Kaynak, Selahattin Pınar, Emin Ongan, Nevzat Atlığ, Alaeddin Yavaşça, Niyazi Sayın, Necdet Yaşar, Süheyla Altmışdört, Avni Anıl, İsmail Hakkı Özkan, Erol Deran, Cinuçen Tanrıkorur, Meral Uğurlu, İnci Çayırlı und İhsan Özgen.
Die türkische Volksmusik: Volksmusik ist anonym. Dass die Melodien anonym sind, bedeutet, dass die aus dem Volk kommende Kreativität von Generation zu Gene-ration übertragen wird und so eine Tradition bildet. Für die offizielle republikanische Politik der Musik galten die Volks-melodien als Quelle für die noch zu erschaffende ‘moderne’ türkische Musik. Deshalb wurden über das ganze Land Exkursionen durchgeführt, um die Noten der Melodien zu fixieren und zu archivieren. Das 1936 gegründete Staatliche Konservatorium Ankara übernahm diese Aufgabe zur Pflege der Volksmusik. Als Ergebnis der bis 1952 andauernden jährlichen Arbeiten wurden 10.000 Melodien in Noten gesetzt und archiviert.
Die 1937 beginnenden Ausstrahlungen des staatlichen Ra-dios waren ein weiterer einflussreicher Faktor bei der Wiederbelebung der Volksmusik. Die im Radio zu hörenden Programme zur authentischen Volksmusik, die von Künst-lern wie Sadi Yaver Ataman, Tamburacı Osman Pehlivan, Servet Coşkunses oder Muzaffer Sarısözen vorgetragen wurden, fanden ein reges Interesse. Ruhi Su, der seine Aktivitäten seit 1960 ausserhalb des Rundfunks durchführte, war ein Vorreiter bei der Neuinterpretation der Volksmusik. Nach 1975 waren es Zülfü Livaneli und Arif Sağ, die mit ihrer neuen Spielweise der traditionellen Gitarrenarten ‘bağlama’ und ‘saz’ der Volksmusik ein modernes Gewand verliehen.
Die türkische Volksmusik wurde schliesslich zu einer der meistgehörten Musikgattungen. Neben dem Verbreitungsef-fekt durch Radio und Fernsehen waren hierfür auch die Ak-tivitäten der dem Ministerium für Kultur zugeordneten staat-lichen Chöre für türkische Volksmusik massgeblich verant-wortlich. Der staatliche Rundfunk der Türkei trug bedeutend dazu bei, dass sowohl bei von ihm veranstalteten Tourneen als auch mit Hilfe seiner Sendungen das Repertoire der türkischen Volksmusik sich weiterentwickelte.
Einige bekannte Künstler der türkischen Volksmusik, die sich
sowohl mit Kompositionen als auch mit Bearbeitungen und als Interpreten hervorgetan haben, sind Neriman Altındağ, Nida Tüfekçi, Mehmet Özbek, Yücel Paşmakçı, Arif Sağ, Mükerrem Kemertaş, Talip Özkan, Şenel Önaldı, Hale Gür, Musa Eroğlu, İhsan Öztürk, Özay Gönlüm, Muharrem Ertaş, Neşet Ertaş, Çekiç Ali, Hisarlı Ahmet, Zaralı Halil, Celal Güzelses, Belkıs Akkale, Sabahat Akkiraz, Güler Duman, Muhlis Akarsu und Mahsuni Şerif, İzzet Altınmeşe und Ümit Tokcan.
Zu den Instrumenten der türki-schen Volksmusik gehören: grosse und kleine Gitarren (mit langen Hals), Tamburin, Gitarre (mit kurzem Hals), kleine zweisaitige Gitarre, ‘tar’ (sechssaitige Gitarre), (birnenförmige) Gitarre, zweisai-tige Violine, ‘kemençe’ (dreisaitige Geige), ‘zurna’ (türkische Oboe), ‘kaval’ (Hirtenflöte), Pfeife, Obo-enpfeife, ‘tulum’ (Dudelsack), ‘da-vul’ (grosse Trommel), kleine Schellentrommel, kleine Trommel und Handtrommel.
Pop, Rock und Jazz: Der sich seit den 60’er Jahren wie ein Sturm weltweit verbreitende ‘Rock’n roll’ und die nach 1960 durch die Beatles geformte Beat- Musik konstituierten eine Entwick-lung, die auch junge Musikgruppen
in der Türkei genau verfolgten. Zuerst hat man ausländi-schen Stücken türkische Texte unterlegt; später hat man ori-ginelle Stücke geschrieben, die eine Mischung von westlicher Unterhaltungsmusik und türkischer Volksmusik bildeten. Stücke, die auf künstlerische Interpretation, Kreativität und Musikalität achten, bilden den Schwerpunkt. Entsprechend zu diesen Entwicklungen entwickelte sich auch ein bedeutender Musikmarkt.
Derzeit werden pro Jahr mehr als 100 Millionen ausländische oder heimische Kassetten und CD’s verkauft. Wichtige Künstler auf dem Pop-Gebiet sind Barış Manço, Cem Karaca, Erkin Koray, Ajda Pekkan, Sezen Aksu, Tarkan, Nilüfer, Zuhal Olcay, Sertab Erener, MFÖ, Şebnem Ferah, ‘Mor ve Ötesi’, Serdar Ortaç und Nil Karaibrahimgil; im Bereich des Jazz zu nennen sind Kerem Görsev, İlhan Erşahin, Nükhet Ruacan, Gürol Ağırbaş und Okay Temiz.
Sertab Erener, die am 48. Eurovision-Schlagerwettbewerb in der lettischen Hauptstadt Riga am 24. Mai 2003 mit ihrem Lied auf Englisch ‘Every Way That I Can’ im Namen der Türkei teilnahm, gewann den ersten Platz und erreichte somit einen wichtigen internationalen Erfolg.


