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Kino und Film
Der 1914 von Fuat Uzkınay gedrehte Dokumentarfilm ‘Der Abbruch des russischen Mahnmals in St. Stefano’ gilt als der erste türkische Film. Zu den ersten Filmen gehört auch der 1914 begonnene und erst 1919 zu Ende gedrehte Streifen ‘Die Hochzeit des Himmet Ağa’. Die Filme dieser Zeit betrafen entweder Nachrichten über den ersten Weltkrieg oder waren Filme über bestimmte Themen.
Der Theaterschauspieler Muhsin Ertuğrul, der 1922 die erste private Filmfirma gründete und von dieser Zeit an als Film-regisseur tätig war, hat bis in die 50’er Jahre dem türki-schen Film seinen Stempel aufgedrückt. Zu den wichtigsten der 30 Filme, bei denen Muhsin Ertuğrul im Verlauf seines Lebens Regie geführt hat, gehört der Film ‘Ein Hemd aus Feuer’ (1923), in dem er den Befreiungskrieg zum Thema machte und zum ersten mal muslimische Schauspielerinnen einsetzte, ferner der erste türkische Sprechfilm ‘Die Gassen von İstanbul’ (1931) oder ‘Eine Nation erwacht’ (1932). Auch in dieser Periode bis 1950, in der pro Jahr nur ein paar Filme gedreht wurden, war der Einfluss des Theaters er-heblich.
Filmproduktionen, in denen man sich zum ersten mal vom Einfluss des Theaters befreien konnte und zu einer wirkli-chen Sprache des Films fand, wurden von Lütfi Akad begon-nen. 1949 drehte Akad den Film ‘Vurun Kahpeye’ (“Er-schiesst die Hure”), mit dem die Zeit der Theaterstücke abschloss und die Zeit der Filme begann. In dieser bis in die 60’er Jahre andauernden Epoche stieg die jährliche Pro-duktion schon auf 60 Filme. In der Zeit nach 1960 erlebte der türkische Film eine neue Wende. Die unter der Regie von Atıf Yılmaz, Metin Erksan, Halit Refiğ, Ertem Göreç, Duygu Sağıroğlu, Nevzat Pesen und Memduh Ün gedrehten Filme bemühten sich um gesellschaftliche Relevanz. Mit den Themen, der Typisierung und Erzählform wurden äusserst charakteristische und erfolgreiche Filme gedreht. In dieser Zeit wurden im Kino Begriffe wie Volkskino, gesellschaftliche Realität und nationaler Film vorrangig diskutiert.
Aus der Reihe dieser Filme kam der Film ‘Sommer ohne Wasser’ (1964) von Metin Erksan hervor, der das tatsächliche Dorfleben aufzeigte und mit seinem bei den Filmfestspielen in Berlin erzielten Preis der erste türkische Film war, der auf internationaler Plattform erfolgreich war. Seit der zweiten Hälfte der 60’er Jahre stieg die jährliche Filmproduktion auf 200, aber der Erfolg in der Quantität hatte kein Gegenstück in der Qualität. Es kam zu einer Inflation der Filme. Mit den 1968 beginnenden Fernsehsendungen begann auch in die-sem Sektor eine grosse Krise.
Eine neue Generation von Regisseuren, die vom Stil Lütfi Akads beeinflusst wurden und gesellschaftliche Strukturen thematisierten, entwickelte sich nach 1970; zu nennen sind hier neue Namen wie Yılmaz Güney, Erden Kıral, Süreyya Duru, Zeki Ökten, Şerif Gören, Fevzi Tuna, Ömer Kavur und Ali Özgentürk. Diese Generation von jungen Regisseuren gaben dem Film neue Impulse. Nach 1980 machte die türkische Kinokunst international von sich reden. In dieser Periode traten Filme mit psychologischen, sozialen und die Frauenrechte betreffende Inhalte in den Vordergrund.
Hinsichtlich der Qualität waren die 90’er Jahre die erfolg-reichsten Jahre im türkischen Film. Für diesen positiven Trend waren die Hauptgründe der Anstieg in der Anzahl der Universitäten, die eine kinomatographische Ausbildung er-teilten, das Heranwachsen von bewussten Regisseuren und Schauspielern, die Beschlüsse und Hilfen des Staates zur Unterstützung der Filmkunst, der Anstieg der Konkurrenz zwischen Kino und Fernsehen und die internationalen Er-folge.
Der türkische Film der neuen Generation: Der Film wurde in der Türkei nach 1985 vor allem von der jungen Ge-neration als einflussreiche Kunstgattung angesehen. Die För-derung durch das Ministerium für Kultur, von diesem Minis-terium veranstaltete Szenarien-Wettbewerbe und Aktivitäten innerhalb der Universitäten vor allem im Bereich des Kurz-films haben zur Herausbildung einer jungen Generation des türkischen Films geführt.
Auf dem Film-Festival von Cannes, einem der Festivals der Welt mit dem höchsten Prestige, gewannen der Regisseur Nuri Bilge Ceylan mit dem Film ‘Uzak’ (“Weit entfernt”) den ‘Grossen Preis der Jury’ und Fatih Akın mit dem Film ‘Yaşamın Kıyısında’ (“Auf der anderen Seite”) den ‘Preis für das beste Drehbuch’. Auf dem Film-Festival von Cannes 2008 gewann Nuri Bilge Ceylan mit seinem Film ‘Üç May-mun’ (“Die drei Affen”) den Preis für die beste Regie.
Einige Filme erhielten so-wohl heimische als auch ausländische Preise und unterstrichen auf diese Weise die Bedeutung des zeitgenössischen türki-schen Films; zu nennen sind hier ‘Gizli Yüz’ (“Das geheime Gesicht”) von Ömer Kavur, ‘Piyano Pi-yano Bacaksız’ (“Klavier ohne Beine”) von Tunç Ba-şaran, ‘İmdat ile Zari-fe’ (“İmdat und Zarife”) von Nesli Çölgeçen, ‘Hoş-çakal Yarın’ (“Auf Wieder-sehen morgen”) von Reis Çelik, ‘Eşkıya’ (“Der Ban-dit”) von Yavuz Turgul, ‘Üçüncü Sayfa’ (“Die dritte Seite”) und ‘Kader’ (“Das Schicksal”), von Zeki De-mirkubuz, ‘Hamam’ (“Das Bad”), ‘Harem Sua-re’ (“Abendgesellschaft im Harem”), ‘Cahil Peri-ler’ (“Die ungeschickten Feen”) und ‘Bir Ömür Yet-mez’ (“Ein Leben reicht nicht”) von Ferzan Özpetek, ‘Propaganda’ von Sinan Çetin, ‘Salkım Hanımın Ta-neleri’ (“Die Stücke von Frau Salkım”) von Tomris Giritlioğlu, ‘Mayıs Sıkın-tısı’ (“Unbehagen im Mai”), ‘Uzak’ (“Weit entfernt”), ‘İklimler’ (“Klima-Gegen-den”) und ‘Üç May-mun’ (“Die drei Affen”) von Nuri Bilge Ceylan, ‘Güneşe Yolculuk’ (“Reise zur Son-ne”) und ‘Pandora’nın Ku-tusu’ (“Die Büchse der Pan-dora”) von Yeşim Ustaoğlu, ‘Karpuz Kabuğundan Gemi-ler Yapmak’ (“Aus Kürbis-schalen Schiffe machen”)
von Ahmet Uluçay, ‘Duvara Karşı’ (“Gegen die Wand”) und ‘Yaşamın Kıyısında’ (“Auf der anderen Seite”) von Fatih Akın, ‘Rıza’ von Tayfun Pirselimoğlu, ‘Takva’ (“Askese”) von Önder Çakar, ‘Dondurmam Gaymak’ (“Eis mit Sahne”) von Yüksel Aksu, ‘Babam ve Oğlum’ (“Mein Vater und mein Sohn”) von Çağan Irmak, ‘Mutluluk’ (“Glück”) von Abdullah Oğuz, ‘5 Vakit’ (“Die 5 täglichen Gebete”) von Reha Erdem, ‘Filler ve Çimen’ (“Elephanten und Rasen”) und ‘Cenneti Bekler-ken’ (“Warten auf das Paradies”) und ‘Nokat’ (“Der Punkt”) von Derviş Zaim, ‘Türev’ (“Ableitung”) von Ulaş İnanç, ‘Eve Dönüş’ (“Rückkehr nach Hause”) von Ömer Uğur, ‘Beynel-milel’ (“International”) von Süreyya Sırrı Önder und Muhar-rem Gülmez und ‘Gemide’ (“Auf dem Schiff”) und ‘Dar Alan-da Kısa Paslaşma’ (“Kurzpässe auf engem Raum”) von Serdar Akar, ‘Gitmek’ (“Gehen”) von Hüseyin Karabey und ‘Sonbahar’ (“Herbst”) von Özcan Alper. Um der Filmkunst unter der Anführung des Kulturministeriums neue Tenden-zen zu verleihen, wurden mit verschiedenen europäischen Ländern Abkommen unterzeichnet und mit internationalen Institutionen eine Zusammenarbeit eingegangen.
Die Kinos und ihre Zuschauer: Seit Anfang der 50’er Jahre versucht der türkische Film, breite Massen zu er-reichen. In dieser Periode versuchte das Kino, die Menschen zu unterhalten. Der Anstieg der Zahl der Filme zog einen Anstieg in der Zahl der Kinos, insbesondere der sommer-lichen Freilichtkinos, nach sich. Aber die gesellschaftlichen Probleme der siebziger Jahre und die zunehmende Ver-breitung des Fernsehens führten dazu, dass das Interesse am Genre des Unterhaltungsfilms abnahm. Als dann in den 80’er Jahren das Video den Stamm der Kinobesucher vor das häusliche Fernsehen zog, mussten viele Kinos schliessen, und der türkische Film stand vor einer ernst-haften finanziellen Krise. Nach 1980 hatten mehr Problem-Filme grossen Erfolg bei den breiten Volksmassen und erweckten insbesondere bei der jungen Generation der Studenten Interesse.
Mit Stand Januar 2009 gab es in der Türkei 440 Kino-Komp-lexe mit einer Stuhlzahl von 210.110. Von neugezeigten Filmen waren 250 ausländische und 50 heimische Filme. Die Zahl der Zuschauer betrug 38 Millionen; 22 Millionen Zu-schauer bevorzugten heimische Filme.


