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29. Oktober 1923 - 2012
89. Jahr der Gründung der Türkischen Republik

Die Türkische Republik: Die verdiente Republik

Von Stanford J. Shaw
Professor für Geschichte,
UCLA (University of California, Los Angeles)

Während der turbulenten Jahre, die unmittelbar dem 1.Weltkrieg folgten, wurden viele unabhängige Staaten in Europa und dem Nahen Osten gebildet. Fast alle dieser Länder waren per Dekret der Grossmächte Europas und den USA während und nach der Pariser Friedenskonferenz entstanden. Sie waren Geschenke der Grossmächte an die verschiedenen betroffenen Völker. Diese Geschenke schlossen jedoch viele Verbindlichkeiten ein. Die wichtigste von diesen Verbindlichkeiten war das Bestehen der Mächte darauf, dass viele dieser neu gegründeten, angeblich unabhängigen Staaten ihrer Kontrolle unterworfen waren durch ein Mandatssystem oder andere Aufsichtssysteme. Dies wurde dadurch gerechtfertigt, dass die neuen unabhängigen Staaten nicht die Fähigkeit und Erfahrung besassen, sich selbst zu regieren. Diese Staaten brauchten nach Auffassung der Grossmächte, die ihre eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen als überlegen einschätzten, deren Erziehung und Training, um zu einem späteren, sehr ungewissen Zeitpunkt die volle Unabhängigkeit zu erreichen. Diese Mandate waren in Wahrheit versteckte

Ansprüche der Grossmächte, ihre kolonialen Kontrollen über die Länder, denen die volle Unabhängigkeit versprochen wurde, fortzusetzen oder neu zu etablieren. Die Resultate dieser Arrangements waren verschieden. Die meisten der vermeintlich unabhängigen Staaten lebten unter der Kontrolle dieser oder jener Macht bis zum 2. Weltkrieg. Sogar noch später, nach dem Erhalt der vollen Unabhängigkeit am Ende des 2. Weltkriegs, hatten sie an den Folgen interner Schwierigkeiten zu leiden, die das Ringen um Unabhängigkeit faktisch illusorisch werden liessen.
Es gab nur einen Staat, dem die Unabhängigkeit durch die Mächte nach dem 2. Weltkrieg nicht gegeben wurde. Dieser Staat war die Türkei. Die europäischen Grossmächte, im Besonderen ihre mächtigstes Mitglied Grossbritanien, beschlossen tatsächlich, dass die Türkei nicht fähig war, sich je einmal selbst zu regieren und dass der Grossteil des Landes, in dem die Mehrheit des türkischen Volkes lebte, an andere Völker abgetreten werden sollte. Auf diese Weise wären die Türken eine unterworfene Minderheit geworden, selbst in Gebieten, wo sie grössere Mehrheiten bildeten.

Sogar im kleinen Teil Zentralanatoliens, der gemäss dem Vertrag von Sèvres ein vermutlich unabhängiger türkischer Staat hätte werden sollen, hätten die Mächte eine weitgehende Kontrolle behalten. Diese Kontrolle wäre so weitgehend gewesen, das diese Rumpftürkei de facto nichts anderes als eine weitere Kolonie in den Kolonialherrschaften von England und Frankreich gewesen wäre.

Dass diese Absichten nicht in die Tat umgesetzt wurden, lag nicht daran, dass die Mächte ihre Politik änderten, sondern vielmehr am Willen des türkischen Volkes. Als einziges Volk unter all den Völkern, die aus den Ruinen des Osmanischen Reiches hervorkamen, kämpften sie für ihre eigene Unabhängigkeit und erlangten eine echte Unabhängigkeit, weil sie durch ihre eigene Anstrengung abgesichert war und nicht durch die Gunst der Mächte. Die türkische Republik war der einzige erfolgreiche Nachfolgerstaat des osmanischen Reiches, der trotz des Widerwillens der Mächte entstand. Die türkische Republik war der einzige Nachfolgerstaat des osmanischen Reichs, der eine echte Republik war, ein Staat, errichtet durch den Willen und die Taten seines Volkes im ersten nationalen Befreiungskrieg im 20. Jahrhundert. Der türkische Krieg der nationalen Befreiung sollte ein Modell werden, das durch die späteren Jahre des Jahrhunderts hindurch viele Völker befolgten, von welchen die so genannten westlichen Grossmächte Unterwerfung und Kontrolle verlangten.

Wie wurde dies vollendet? Und wie konnte das türkische Volk in Bezug auf Erfolg seine Zukunft und die Zukunft der Republik fest setzten? Lassen wir uns eine Anzahl von Faktoren anschauen.

1. Ein sehr wichtiger Faktor des türkischen Erfolges war die Uneinigkeit der Alliierten, die nach dem ersten Weltkrieg Istanbul und andere Teile des osmanischen Reiches besetzt hielten. Grossbritannien stellte am meisten Soldaten und lieferte Waffen an die Besatzungstruppen, weshalb diese von den britischen Kommandanten dominiert wurden. Andere Kommandanten der Alliierten sahen sich in untergeordnete Stellungen versetzt. Die Briten organisierten die Besatzung in dem Masse, dass ihre wirtschaftlichen und politischen Ziele auf Kosten der anderen Alliierten ausgeführt wurden.

Der britische Premierminister David Lloyd George unterstützte die Gründung eines grösseren Griechenlandes, das Izmir, den grössten Teil des Südwestens von Anatoliens und sogar Istanbul beinhaltete, aus dem Gefühl heraus, Griechenland könnte durch England besser unter Kontrolle gebracht werden. So könnte die britische Dominanz über den ganzen östlichen Mittelmeerraum erhalten bleiben, auch nachdem die formelle Besatzung ein Ende fand. Aber diese Versprechungen verletzten ähnliche Versprechungen an Italien, die durch geheime Vereinbarungen während des Krieges gemacht wurden.

Darin wurde Italien Izmir und ein Grossteil von Südanatolien versprochen als Beitrag zur Bildung eines italienischen Imperiums im östlichen Mittelmeer. Wegen der Verletzung dieser Vereinbarungen legte Italien anfänglich sein Veto ein gegen die britischen Bemühungen, diese Gebiete Griechenland abzutreten. Als Italien jedoch die Friedenskonferenz eine Weile boykottierte, weil sich die Alliierten für eine Abtretung von Triest und den grössten Teil der Adriatischen Küste an den neuen, soeben ins Leben gerufenen jugoslawischen Staat entschieden hatten, profitierten die Alliierten von der italienischen Abwesenheit, um die Invasion der Griechen in Anatolien zu erlauben. Damit konnten die Griechen diese Gebiete zwangsweise an sich reissen und sie damit Italien absprechen. Italien durfte zwar die Südanatolische Küste besetzen, einschliesslich Antalya und Adana, aber als Antwort auf den Verlust vom versprochenen Izmir an Griechenland begann es, den Türkischen Befreiungskrieg zu unterstützen. Es übergab seine erbeuteten Waffen der Türkischen Nationalarmee, welche Ismet Inönü in der Nähe von Ankara bildete. Den türkischen Agenten wurde erlaubt, nach Italien zu reisen und Italien als eine Basis für Flugzeug- und anderen Waffenkäufe zu benützen. Sie verschifften sie in italienischen Booten nach Antalya und transportierten sie durch die italienische Besatzungszone an die neue türkische Nationalarmee. In ihrer Besatzungszone wurden Tausende von türkischen Flüchtlingen der griechischen Invasion und der französischen Besatzung im Südosten Anatoliens empfangen. Sie gaben ihnen zu essen, Schlafplätze und medizinische Hilfe und schickten sie zurück, um sich dem wachsenden türkischen Widerstand anzuschliessen.

Auch Frankreich begann mit England zu streiten wegen der Ergebnisse der Besatzung. Die französischen Befehlshaber in Istanbul ärgerten sich immer mehr über eine vermehrte britische Übermacht und begannen, ihre Informationen betreffend englischer und griechischer Militärbewegungen an türkische Nationalagenten zu liefern. Im Osten, wo Frankreich anfänglich seine eigenen kolonialistischen Ambitionen zu sichern suchte indem es sowohl Cukurowa sowie Syrien besetzte, nahm es den Briten übel, dass sie zur Aufgabe der reichen Ölfelder von Kirkuk und Mossul gezwungen worden war, obwohl diese während dem 1. Weltkrieg ihnen versprochen waren. Frankreich war auch das Verhalten der Armenischen Legion peinlich, welche es mit nach Cukurowa gebracht hatte. Die Legion fing an, eine grosse Anzahl Türken des Gebietes zu massakrieren. Deshalb wurde Frankreich dem alliierten Bündnis untreu durch die Unterzeichnung eines separaten Friedensabkommen mit der türkischen Nationalregierung in Ankara.

Dann war da noch Russland, das zu dieser Zeit in einen Bürgerkrieg verwickelt war, der zwischen den Bolschewiken von Lenin und Stalin und den so genannten Weissen Streitkräften geführt wurde, die versuchten, das Zarenreich der alten Zeit wieder zu etablieren.
Die Bolschewiken hatten auf ihren Anspruch auf die Territorien von Istanbul und Ostanatolien verzichtet, die Russland aufgrund von Kriegsvereinbarungen unter den Alliierten versprochen wurden. Aber sie behielten dennoch das langfristige Ziel, eine einflussreiche Kontrolle nicht nur über Istanbul, sondern auch über einen grossen Teil der Türkei zu gewinnen, indem sie die türkische nationale Bewegung in eine kommunistische Bewegung verwandeln wollten. Sie wollten den neuen, türkischen Staat in einen kommunistischen Satelliten umfunktionieren und ihn zu einer Speerspitze des sich verbreitenden Kommunismus unter allen Völkern des Ostens machen, die von den Kolonialmächten kolonialisiert worden waren. Sie hatten auch kurzfristig im Sinne, den Fluss von Waffen und Menschen, die die Briten und Griechen durch Istanbul und das Schwarze Meer schickten, zu stoppen, um den Nachschub der Weissen Armeen in ihrem Kampf gegen die Bolschewiken zu kappen. Ich möchte in dieser Hinsicht darauf aufmerksam machen, dass die britischen Waffen von einer Vielzahl von griechischen Soldaten begleitet wurden, um die griechische Unterstützung für ihren orthodoxen Neffen Russland zu zeigen. Diese Waffen wurden von der Weissen Armee gebraucht, um Tausende von Juden und russische Christen zu massakrieren, die die Bolschewiken in Südrussland unterstützten. Tausende von Menschen wurden getötet und Abertausende wurden zur Flucht über das Schwarze Meer gezwungen, einschliesslich die Kommandanten und die letzen Reste der Weissen Armee. Auf alle Fälle sandten die Bolschewiken grosse Mengen von Waffen an die türkische Nationalarmee, sowohl um die Flut von westlichen Waffen an die Weissen zu stoppen, als auch um die neue türkische Nationalbewegung zu einer kommunistischen zu machen. Die neu errichtete, armenische Republik weigerte sich, die Waffen auf dem Landwege passieren zu lassen, sodass sie zum grössten Teil durch das Schwarze Meer geschickt wurden, hauptsächlich nach Trabzon, von wo aus sie über Land an die türkische Nationalarmee gesandt wurden.

Natürlich waren Mustafa Kemal und die türkischen Nationalisten glücklich, Waffen und Geld von jeglichem Gönner anzunehmen, aber sie hatten absolut keine Absicht, die türkische Revolution von den Bolschewiken kommunistisch beeinflussen zu lassen. Die Bolschewiken ihrerseits, als sie merkten, dass ihre Anstrengungen, eine türkische kommunistische Partei zu gründen, unterdrückt wurde, entschieden sich, dass es für sie wichtiger ist, die britische Besetzung in Istanbul zu beenden und damit den britischen Gebrauch Istanbuls zur Unterstützung der Weissen, als die Türkei kommunistisch zu machen. Sie fuhren fort, der Türkei Waffen und Geld zu senden, auch nachdem die türkischen Kommunisten in der Türkei unterdrückt wurden.

2. Ein zweiter Erfolgsfaktor war die Natur der alliierten Besatzung selbst.
Während anfänglich die Briten erlaubten, dass die Geschäfte des Rests der osmanischen Regierung in Istanbul getätigt wurden, war es eine Tatsache, dass viele Regierungsmitglieder im geheimen der türkischen nationalen Befreiung in Anatolien halfen und das neu gewählte osmanische Parlament den türkischen nationalen Pakt unterstützte und bestätigte.
Infolgedessen übernahmen die Briten die Macht im osmanischen Parlament und nahmen viele ihrer Führer gefangen. Diese harte Okkupation hatte zur Folge, dass viele, die anfänglich die Besetzung unterstützten, als auch diejenigen, die im geheimen den Nationalisten halfen, nach Anatolien flohen, wo sie sich der türkischen nationalen Bewegung anschlossen. Die britische Diskriminierung der Türken in den Besetzungsgebieten schürte das türkische Ressentiment und zerstörte bei den meisten Türken den Glauben, dass die Alliierten gekommen waren, um ihnen zu helfen.

Mehr noch war es jedoch die äußerste Brutalität der griechischen Besetzung in Südwest-Anatolien und der französischen im Südosten, die hauptsächlich dazu beitrug, dass sich die meisten Türken entschieden, der ganzen Besatzung zu widerstehen. Als die griechische Armee in Izmir landete und durch Anatolien nach Ankara vormarschierte, massakrierte sie Tausende von türkischen Moslems und Juden mit der Hilfe von griechischen Hirten und Bauern und städtischen Bewohnern, die in diesem Gebiet wohnten. Die Zeit war gekommen, um den während Jahrhunderten versteckten Hass gegen den Islam und dem Judentum zu rächen. Ich möchte hinzufügen, dass später, als die türkische Nationale Bewegung die Griechen aus Anatolien hinauswarf, dieselben Griechen die meisten auf dem Wege gelegenen Städte und Kleinstädte niederbrannten einschliesslich den grossen Hafen von Izmir. Nach dem gleichen Muster handelten auch die Serben, die in Bosnien und Kosovo Moslems niedermetzelten und ganze Landstriche niederbrannten und dann sie selbst beschuldigten für die Zerstörung.

Zur gleichen Zeit gab es im Südosten, während die Franzosen die Vorteile einer französischen Regierung zeigen wollten, sehr wenig Franzosen in der französischen Besatzungsarmee. Frankreich war noch gezeichnet von den Zerstörungen des ersten Weltkrieges. Tausende von französischen Soldaten waren gefallen. Das Land selbst war der Schauplatz der grausamsten Schlachten des Krieges gewesen, sodass es in Ruinen lag. Die Besatzungsarmee bestand daher hauptsächlich aus Kolonialtruppen von Schwarzafrika, unterstützt von der so genannten Armenischen Legion, die zusammengesetzt war aus jungen Armeniern, die aus Ägypten sowie aus Europa und Amerika stammten und verpflichtet war, in einem Rachekampagne gegen Türken und andere Moslems zu kämpfen. Während die Franzosen Ordnung und Sicherheit in den Städten von Cukurova herzustellen versuchten, breiteten sich die afrikanischen Truppen und vor allem die Mitglieder der armenischen Legion auf das Land aus. Sie überfielen, plünderten und töteten, in einem Ausmass, dass die französischen Befehlshaber selbst entsetzt waren. Nachdem man versucht hatte, die Legion unter Kontrolle zu bringen, löste man sie auf und versuchte schlussendlich mit Mühe, mindestens ihre Mitglieder wegzuschicken um so endlich dem Blutbad, das im Namen Frankreichs durchgeführt wurde, ein Ende zu bereiten.
Aber das Gedenken an alles, was geschehen war, wühlte die meisten Türken so sehr auf, dass sie nun vehementen Widerstand nicht nur gegen die französische Besatzung, sondern auch gegen die ganze Besatzung der Türkei leisten wollten.

3. Ein dritter Erfolgsfaktor gründete in Griechenlands Verhalten.
Genauso wie der griechische Unabhängigkeitskrieg vom osmanischen Reich in den frühen Jahren des 19. Jahrhunderts nicht hätte vollendet werden können ohne Hilfe der britischen Marine, so hätte auch die griechische Armee, die in Anatolien einfiel, nicht so rasch nach dem 1.Weltkrieg vormarschieren können, wenn Grossbritannien ihr keine so grosse militärische Hilfe gewährt hätte.
Aber in Griechenland führten diese anfänglichen Erfolge das griechische Volk dazu, den Premierminister Venizelos und seine Regierung zu stürzen, welche 1917 durch eine britische Invasion installiert wurde, und den griechischen König Konstantin wieder einzusetzen.
Derselbe wurde von den Briten entthront, weil er beschlossen hatte, Griechenland neutral zu halten oder Seite an Seite mit Deutschland während des Krieges zu kämpfen. Die Wiedereinsetzung König Konstantins in Griechenland kam gerade zur Zeit, als der berühmte britische Historiker Arnold Toynbee nach Anatolien als Reporter des Manchester Guardians kam, um Berichte des barbarischen Benehmens seitens der griechischen Armee im Vormarsch in Südwestanatolien zu veröffentlichen.
Dies führte die englische Öffentlichkeit dazu, aufzuwachen angesichts der Tatsache, dass die griechische Barbarei sowohl mit der materiellen als auch mit der moralischen Unterstützung Grossbritaniens ausgeführt wurde. Zusammen mit der Abscheu vor der Wiedereinsetzung des pro deutschen Königs Konstantin führte dies dazu, dass die Lieferungen an Griechenland und seine anatolischen Invasionstruppen vom Marmara Meer aus einzustellen. Nur von der Basis in Izmir aus war es ihnen erlaubt, Lieferungen in Anhängern und Zügen, die von der türkischen Kavallerie leicht angegriffen und zerstört werden konnten, zu senden.

4. Ein vierter Punkt des türkischen Erfolges bestand in stets präsenten, rassistischen und religiösen Vorurteilen von den christlichen Nationen und Menschen im Westen gegenüber den Moslems im Allgemeinen und den Türken im speziellen. Diese hatten natürlich seit den Zeiten des Propheten und besonders seit den Kreuzzügen existiert, und es tut mir leid dies sagen zu müssen, aber diese Vorurteile bestehen noch heute. Zudem kommt zusätzlich die Diskriminierung der Türken, die für die meisten Christen das hauptsächliche Symbol des Islam gewesen waren und bis zum heutigen Tag noch sind. Als Ergebnis dieses Vorurteils baute Europa den Mythos "des schrecklichen Türken" auf, und akzeptierte bereitwillig alle Mythen über Massaker und der Verfolgung, die durch nicht moslemische Immigranten aus dem osmanischen Reich verbreitet wurden. Zur gleichen Zeit wurden die Massaker, die auf Moslems während der Russischen Expansion in Zentralasien verübt wurden, völlig ignoriert. Ebenfalls ignoriert wurden ähnliche Massaker, die in den frisch unabhängig gewordenen christlichen Staaten Südosteuropas begangen wurden.

Diese begannen mit der griechischen Revolution im frühen 19. Jahrhundert mit dem Mord an Tausenden von Moslems und Juden, um einen homogenen griechischen und christlichen Staat zu gründen. Insofern als dieses Vorurteil nach dem 1. Weltkrieg auf die Türkei wirkte, führte es die siegreichen Alliierten auf zwei schicksalhafte Taktiken. Zuerst wie wir schon andeuteten, kamen die Alliierten zum Schluss, dass die Türken als Moslems nicht fähig wären, sich überhaupt selbst regieren zu können. Deshalb sollten nicht nur nicht türkische Teile des osmanischen Reiches, sondern auch Gebiete, in denen die Türken in grosser Mehrheit lebten, unter Kontrolle gebracht werden, entweder durch die Mächte selbst oder durch nicht moslemische Völker, denen man ihren eigenen Staat versprach, ohne Berücksichtigung der Existenz von Menschen in Territorien, die ihnen gegeben wurden. Das zweite Resultat des rassistischen und religiösen Vorurteils des christlichen Europa war, dass sie dachten, derart drakonische Massnahmen auf die Türken anwenden zu können mit einem relativ kleinen Expeditionskorps von ungefähr 50'000 Soldaten zu Spitzenzeiten neben ungefähr 100'000 Soldaten von Griechenland für die Besetzung vom westlichen Anatolien und seiner Einverleibung an Griechenland. Nach den Alliierten, waren die Türken nicht nur unfähig, sich selbst zu regieren, sondern auch unfähig, sich selbst zu verteidigen. Sie würden gezwungen sein, was auch immer die Alliierten diktierten, als ihr Schicksal anzuerkennen. Natürlich waren die Alliierten umso mehr überrascht, was dann folgen sollte.

Alle diese Faktoren hätten aber nicht automatisch das türkische Kriegsglück herbeiführen können, wäre da nicht die Fähigkeit des türkischen Volkes gewesen, davon Nutzen zu ziehen und die Besatzungsmächte hinauszuwerfen. Wie waren die Türken fähig, dies zu leisten?

1. Zuerst und vor allem war die Reaktion des türkischen Volkes auf die Härte der alliierten Besetzung ausschlaggebend. Diejenigen Türken, die die osmanischen Reformen durch das ganze 19. Jahrhundert hindurch unterstützten, orientierten sich an den demokratischen Nationen von Amerika und Westeuropa als ein Modell für das zu verjüngende Reich, das daraus entstehen sollte. Sie dachten, dass diese Staaten ihnen selbstlos die Hilfe gewähren würden, die sie benötigten, um einen neuen, modernen türkischen Staat auf den Ruinen des osmanischen Reiches aufzubauen. Sie dachten, dass Punkt 12 von Woodrow Wilsons im Januar 1918 aufgestellten 14 Punkten für die Türken gleichermassen wie für die anderen Völker des osmanischen Reiches gelten würden. Punkt 12 legte fest, dass alle unterworfenen Völker des Osmanischen Reiches, wie auch andere, den Anspruch auf ihre eigene Unabhängigkeit haben.
Die Brutalität der Besatzung jedoch, die neben der Realisierung der Tatsache, dass die Alliierten in die Türkei gekommen waren, um die Türken zu unterwerfen, nicht um sie zu befreien und zu modernisieren, veranlasste die meisten Türken, sich im türkischen Krieg der nationalen Befreiung zu vereinigen. So vereinigte die nationale Bewegung Türken, die Teile eines weiten, politischen und religiösen Spektrums waren. Sie waren Unterstützer der osmanischen Sultane, Fürsprecher einer Republik, Säkularisten, religiöse Führer, welche alle ihre persönlichen Wünsche dem gemeinsamen Ziel unterstellten, das türkische Volk zu verteidigen, und die Unterwerfungsanstrengungen der fremden Mächte zu vernichten. Ohne diese Einigkeit hätten die Türken nie Nutzen aus den Erfolgsfaktoren ziehen können.

2. Der zweite Faktor, der das türkische Volk befähigte, von den Erfolgsfaktoren Nutzen zu ziehen, war die Einigkeit der Führung gleichermassen unter den Führern sowie den Anhängern und der Wille der verschiedenen türkischen politischen, religiösen und militärischen Führer zusammenzuarbeiten für das Gute der Nation als Ganzes. Auch die Bereitschaft des türkischen Volkes, alles zu tun, um ihre Anstrengungen zu unterstützen, entweder durch den Beitritt zur nationalen Armee oder durch Unterstützung von ihr durch Bereitstellen von Essen, Lieferungen und Waffen.
Es gab viele Führer, die erfolgreiche Widerstandsbewegungen in verschiedenen Teilen von Thrazien und Anatolien am Anfang des Krieges der Nationalen Befreiung führten, um einige wenige zu nennen Kazim Karabekir und Fevzi Cakmak in Ergänzung zu Mustafa Kemal Atatürk und Ismet Inönü. Sie waren alle Führer verschiedener lokaler Widerstandsgruppen, die in Thrazien und Anatolien entstanden waren als Reaktion zur Besatzung, Gruppen, denen man später einen Namen gab, Kuvai-Milliye (die Nationalkräfte), obschon sie damals alles andere als vereint waren. Jede von ihnen hatte ihre eigenen Ambitionen und Politik. Aber die harte Realität der alliierten Besatzung machte es unbedingt erforderlich, dass sie zusammenarbeiteten.
Dass sie dies auch taten, war dem politischen Genius von Mustafa Kemal ATATÜRK zu verdanken. Mustafa Kemal's grösster Beitrag zum türkischen Krieg der nationalen Befreiung lag in seiner Fähigkeit, die Gefahren zu nutzen, die den Türken drohten, um alle Führer zusammenzubringen und sie dazuzubringen, ihre individuellen Ambitionen und politischen und religiösen Ziele aufzuschieben. So spannte er sie für die gemeinsame Sache zusammen. Wie schwer diese Aufgabe war und wie brillant der Erfolg von Mustafa Kemal war, alle diese verschiedenen Menschen und Gruppen zu vereinigen und unter seine Führung zu bringen wird gezeigt durch die Uneinigkeit, die bei den gleichen Führern nach Ende des gewonnenen Krieges und nach der Gründung der türkischen Republik ausbrach. Ich möchte hinzufügen, dass dies auch gezeigt wird durch die politische Uneinigkeit, welche die Lage der Türkei in der Welt in den letzten Jahren ernsthaft geschädigt hat.

3. Ein dritter Faktor, der das türkische Volk begünstigte, über denjenigen zu siegen, welche sie unterdrücken wollten, war der Wille zur Abstreifung der Vergangenheit, die Geschichte des osmanischen Reiches zu begraben, das im 19. Jahrhundert so wunderbar scheinte, aber zur Auflösung verurteilt war wegen des Aufkommens von Nationalismus und demokratischem Liberalismus seit der französischen Revolution und dem industriellen Fortschritt in Europa. Das multinationale, osmanische Reich, das soviel getan hatte, damit Völker verschiedener ethnischer Herkunft, jahrhundertelang friedfertig nebeneinander leben konnten, wurde ein Auslaufmodell.
Der Grund dafür liegt in der Verbreitung einer Art des Nationalismus unter den unterworfenen christlichen Völkern im osmanischen Reich, welcher nicht nur diktierte, dass sie ein Recht haben unabhängig zu werden, sondern auch forderte, dass all jene, die nicht den eigenen ethnischen Mythos und die Religion teilten, massakriert oder vertrieben werden sollten.
Die nationalistische Politik einer ethnischen Säuberung, welche von den Serben zuerst in Bosnien und jetzt in Kosovo in den letzten Jahren verfolgt wurde, entstand zuerst während der griechischen Revolution im frühen 19. Jahrhundert, als die christlichen Völker, die dort lebten, was Griechenland wurde, die antiken Griechen als ihre Vorfahren betrachteten. Sie einverleibten die antike hellenistische Kultur als ihr eigen und fuhren danach fort, alle diejenigen, die ihre Vorstellungen nicht akzeptierten, zu massakrieren und aus dem Lande zu treiben einschliesslich nicht nur Moslems sondern auch Juden. Die gleiche Politik der ethnischen Säuberung wurde von den Bulgaren, den Rumänen, den Ungaren und den Serben befolgt, mit der Absicht, in den folgenden Jahren unabhängige Staaten zu gründen. Die Exzesse der griechischen Invasion im Namen der Pariser Friedenskonferenz zeigten den Türken, dass wenn sie überleben und verhindern wollten, im eigenen Land der Vernichtung preisgegeben zu werden, sie das Ideal des multiethnischen und multireligiösen Staates aufgeben mussten, das sie so lange im osmanischen Reich aufrecht erhalten hatten.
Stattdessen hatten sie ihren eigenen nationalen türkischen Staat zu gründen. Dies konnte nur realisiert werden, wenn die letzten Spuren des osmanischen Reiches aufgegeben wurden, zusammen mit dem Sultanat und dem Kalifat.

Währenddem die multiethnische und demographische Beschaffenheit des osmanischen Reiches für den neuen Staat nicht mehr länger in Frage kam, definierte die Republik das Türkischsein nicht im Sinne von Rasse und ethnischer Zugehörigkeit, sondern im Sinne von den im Lande verbliebenen Menschen, die die gleichen Ziele einer unabhängigen, progressiven und zeitgemässen Republik teilten, welche ein Teil der Familie der Nationen sein sollte und welche eine mehr integrierende als ausschliessende Identität für die Türken kreierte.

4. Ein vierter Grund weshalb die Türken fähig waren, die genannten Voraussetzungen zu ihrem Vorteil zu nützen, war ihre Entschlossenheit, Grundsätze zu befolgen, die gut für ihre eigene Nation waren und die Meinungen und Wünsche der Grossmächte zu ignorieren.
Dies scheint heute offensichtlich, war es aber nicht zu jener Zeit. Während der ganzen Tanzimat - Reformen des 19. Jahrhunderts schauten viele osmanischen Führer nach Europa nach einer Reform - Modell, das sie befolgen könnten. Sie betrachteten Europa als fortschrittlicher und versuchten, ein osmanisches Reich zu gründen nach dem Vorbild von Europa.

Dies war einer der Hauptgründe, dass die Tanzimat - Reformen nicht ganz erfolgreich war, da es in vielen Gebieten nicht gelang, europäische Institutionen den osmanischen Sitten und Gebräuchen anzupassen. Sogar noch nach dem 1. Weltkrieg, als die Europäer das Land besetzten, glaubten die osmanischen Führer, dass Europa es besser wusste, dass Europa fortschrittlicher war. Die Wünsche der Europäer mussten deshalb befolgt werden und wenn die Europäer sagten, dass die Türken nicht fähig seien, sich selber zu regieren, dann musste es wohl so sein, das Diktat der Mächte musste akzeptiert werden. Eine der Mächte, entweder Grossbritannien oder die USA hätte als Mandatsmacht akzeptiert werden sollen, um die Türken zu befähigen, sich selber zu regieren.

Wäre diese Meinung akzeptiert worden, hätte es keine türkische Republik gegeben, wenigstens bis zum Ende des 2. Weltkrieges nicht. Dass dies nicht stattfand ist Mustafa Kemal ATATÜRK und seinen Kollegen zu verdanken, die diese Ideen zurückwiesen, den Plan ein britisches oder amerikanisches Mandat aufzustellen, verwarfen und in der Folge die Meinung der westlichen Mächte betreffend die Türken revidieren liessen, sodass die Türken motiviert waren, Widerstand zu leisten - und dies mit Erfolg.

Stanford J. Shaw
Professor für Geschichte,
UCLA (University of California, Los Angeles)